Ortler 3905 m über den Hintergrat

Ortler Alpen / Überschreitung des Ortlers über den Hintergrat „Ostgrat“ und Abstieg auf dem Normalweg „Ortlerplatt und Nordgrat“ / Italien
09/2023 / Technische Schwierigkeit: ziemlich schwierig ZS (AD)
Gletscherhänge bis 50°, Eisfelder bis 40°, im Fels viel I-II, einige Passagen III,
III bzw. II/A0 (am Tschierfeckwandl), eine Stelle III+ und zwei Schlüsselstellen IV-.

Links im Profil der Ortler Hintergrat, eine klassische kombinierte Hochtour in Fels und Eis. Rechts kann man den Normalweg über den Gletscher und den Nordgrat gut erkennen. In der Mitte ist die Nordwand mit der schmelzenden Eiswand zu sehen.

Die Überschreitung des Ortlers über den Hintergrat ist einer der ganz großen Touren der Ostalpen und hinterlässt garantiert unvergessliche Eindrücke!

Infrastruktur
Talort: Sulden 1866 m
Ausgangspunkt: Talstation Langensteinlift, 1844 m
Stützpunkte: Hintergrathütte 2661 m (Aufstieg) und Tabarettahütte 2556 m (Abstieg)
Hintergrathütte, 2661m
ca. 2,5 Std. 817 Hm ↑
Alternativ: Mit dem Langensteinlift zur K2 Hütte, 2339m.
ca. 1,5 Std. 322 Hm ↑

Route
Aufstieg von der Hintergrathütte, 2661 m über den Ostgrat „Hintergrat“:

ca. 6,0 Std. 1244 Hm ↑
Abstieg über das Ortlerplatt und den Nordgrat bis zur Tabarettahütte, 2556 m:
ca. 6,0 Std. 1349 Hm ↑
Gesamt: ca. 12,00 Std. 1244 Hm ↑ 1349 Hm ↓

Teilnehmer
Manuela und Norbert

Material
Gletscherausrüstung

1. Tag
Nach 2015 kehrte ich erneut nach Sulden zum König Ortler zurück, mit dem Ziel, diesen Eisgiganten auch über den Hintergrat zu besteigen.

In Sulden angekommen fuhren Manuela und ich mit dem Langensteinlift zur K2 Hütte hoch und wanderten über den schön angelegten Höhenweg zur Hintergrathütte.

 

2. Tag
Die Weckzeit auf der Hütte war 4:00 Uhr morgens, denn die Ortler Überschreitung bekommt man wahrlich nicht geschenkt, wir benötigten für den Aufstieg über den Hintergrat und für den Abstieg über den Normalweg bis zur Tabarettahütte ca. 16 Stunden (inkl. Pausen und Wartezeiten am Grat).

Eine gewisse Leidensfähigkeit muss man also schon mitbringen, um diese Tour auch wirklich genießen zu können… 😉

Tourenbeschreibung Hintergrat

Der Aufstieg führt über ein anstrengendes, teils unübersichtliches und brüchiges Gelände von der Hintergrathütte zum Grat. Drei bis fünf Stunden Gratgenuss mit überwältigender Aussicht warten auf die Aspiranten, sowie drei unterschiedlich große Eisfelder bis zu 40° Steilheit. Einige ausgesetzte Kletterstellen im dritten sowie zwei Schlüsselstellen im vierten Schwierigkeitsgrad müssen ohne wenn und aber bis zum Gipfel überklettert werden.

Topo Hintergrat

Genusskletterei am Hintergrat

Gipfelglück am Ortler 3905 m

Tourenbeschreibung Normalweg 

Aber selbst wenn man oben ankommt, darf man sich nicht zu früh freuen, denn der Abstieg über den nur unwesentlich leichteren Normalweg führt durch die gewaltige, zerissene und spaltendurchzogene Gletscherlandschaft des Ortlerplatts. Der Gletscher ist am blankeisdurchzogenen Steilhang im Bärenloch bis zu 50° steil und eine objektiv gefährliche Seraczone muss ebenfalls zügig passiert werden. 

Topo Normalweg

Abstieg über den Gletscher

Weiterer Abstieg über den Nordgrat

Der Nordgrat im Abstieg bis zur Julius Payer Hütte (3029 m) hält noch einige Kletterstellen parat, meist I-II, eine Stelle III+ und eine 80 m hohe mit Ketten versehene Wand, III bzw. II/A0 (Tschierfeckwandl). Der weitere Abstieg zur Tabarettahütte (2556 m) ist nur noch ein Spaziergang. Die Länge dieser gewaltigen Hochtour darf man jedenfalls nicht unterschätzen, was natürlich auch bedeutet, dass für diesen ganz großen Ostalpen-Klassiker absolut sichere Wetterverhältnisse herrschen müssen.

 

Eine kleine Pause auf der Payerhütte, 3029 m wurde uns nach 13 Stunden gegönnt, bevor wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Tabarettahütte, 2556 m erreichten.

 

3. Tag
Am nächsten Morgen bin ich auf der Hütte aufgewacht und fühlte mich verändert, einmal mehr hat mir ein Berg gezeigt, was im Leben alles möglich ist. Als ich von der Sonnenterrasse der Tabarettahütte (2556 m) aus den Hintergrat beobachtete, war ich auf eine Art und Weise berührt und beeindruckt, wie kaum auf einer anderen Hochtour zuvor. Ich bin Manuela unendlich dankbar, dass sie diese Tour trotz Bedenken mit mir gewagt, mir vertraut und so souverän gemeistert hat! 🙂

Obwohl diese Traumtour rückblickend einiges von uns abverlangt hat, war es dennoch ein perfektes Wochenende mit unvergesslichen Eindrücken, die selbst nach vielen Monaten nachwirken.
Abstieg von der Tabarettahütte zum Ausgangspunkt Talstation Langensteinlift, 1844 m
ca. 1,5 Std. 712 Hm ↓

Der Ritterschlag zum Abschluss

Als Krönung und Sahnehäubchen oben darauf, begegneten wir sogar noch dem Meister höchstpersönlich in einer seiner Museen auf Schloss Juwal.
Es war niemand Geringeres als Reinhold Messner! 🙂
Wir konnten es kaum fassen, ausgerechnet die lebende Legende nach so einer Tour getroffen zu haben!

Ich kann jedem wärmstens empfehlen Schloss Juwal nach der Ortler Überschreitung zu besuchen (ca. 30 Minuten Fahrzeit von Sulden), denn es ist der wahrscheinlich perfekte Abschluss einer der großartigsten Grat- und Hochtouren der gesamten Ostalpen!